Rosenstolz - Wir sind Wir!
- Details
- Marc Boettcher
- Friday, 20 January 2012 21:49
- Hits: 125
Der Film zu 20 Jahre Rosenstolz am 23./24. März 2012 um Mitternacht auf NDR Fermsehen.
(Erstaustrahlung: 20. Oktober 2011 um 0:30 Uhr im Ersten der ARD)
Regie Marc Boettcher Drehbuch Marc Boettcher Schnitt Marian Piper
Genre Dokumentation Filmlänge 58 min
Land Deutschland, 2011 Produktion NDR
Fotos Ferran Casanova
Story
Kurz nach dem Fall der Berliner Mauer treffen sich 1990 in Berlin-Friedrichshain die leidenschaftlichen Musiker Anna R. und Peter Plate. Er, schwul, schüchtern und aus dem Westen, liebt englischsprachigen Pop. Sie, hetero, extrovertiert und aus dem Osten, liebäugelt mit Jazz und Folk. Zwei unterschiedliche Welten treffen aufeinander. Aber die beiden beginnen zusammen Songs zu schreiben, diese aufzunehmen und erste, noch recht desaströse Konzerte zu geben. Mit deutschsprachigen Texten prägen sie den selbst kreierten Mondänpop; stilistisch zwischen Pop, Chanson und Rock pendelnd. Die Radiosender verweigern jedoch den Einsatz der Songs und auch das Fernsehen winkt ab – die deutschen Texte seien zu kontrovers, die Songs lassen sich nicht zuordnen. Der Durchbruch kommt erst 1998, als Anna und Peter den zweiten Platz beim nationalen Vorentscheid zum Eurovision Song Contest belegen. Sieben Jahre nach der Gründung sind Rosenstolz es plötzlich in aller Munde. Eine unvergleichliche Erfolgsgeschichte kann beginnen...
Es folgt ein Album nach dem anderen, ausverkaufte Tourneen im In- und Ausland. Überhäuft mit zahlreichen Auszeichnungen für Titel wie Die Schlampen sind müde, Liebe ist alles und Gib mir Sonne gilt Rosenstolz als erfolgreichstes Popduo Deutschlands. Doch auf dem Höhepunkt ihres Erfolges bricht Peter Plate im Januar 2009 plötzlich zusammen. Das Management verkündet, er sei am Burnout-Syndrom erkrankt. Das Duo muss all seine Termine absagen und zieht sich aus der Öffentlichkeit zurück. Ein Schock für Millionen von deutschen Fans. Die Dreharbeiten zu einem Fernsehporträt werden auf Eis gelegt.
Fast drei Jahre hat es gedauert, bis sich Rosenstolz im September 2011 wieder zurück melden. Das neue Album heißt treffend: Wir sind am Leben. Pünktlich zur Veröffentlichung hat nun auch der Regisseur und Autor Marc Boettcher seine TV-Dokumentation über das Erfolgsduo fertigstellen können.
Die Stunde ist vollgepackt mit raren und mitunter recht schrägen TV-Auftritten, mit Szenen aus alten Talk-Shows und Videoclips. In mehrjähriger Recherche fand Marc Boettcher Raritäten wie einen Auftritt Peter Plates als Fünfjährigen in der Sesamstraße, den ersten regionalen TV-Auftritt des Duos mit Nymphoman noch vor ihrem Bühnendebüt 1991 sowie unveröffentlichte Aufnahmen ihrer Hits in Französisch, Spanisch und Japanisch. Der sonst so scheue Peter Plate spricht in einem Exklusivinterview offen über seine Panikattacken, die schließlich in einer schweren Depression und dem Zusammenbruch endeten und AnNa R. erzählt von der Kindheit im Sozialismus und ihrer Ablehnung bei der Aufnahmeprüfung in der Musikschule. Überraschende, berührende Momente, vor allem für all jene, die Rosenstolz erst zu ihren erfolgreichsten Zeiten kennen und schätzen gelernt haben! Der Film liefert spannende und sehr emotionale wie intime Einblicke in die 20jährige Bandgeschichte und den beschwerlichen Weg zum Erfolg.
Gewiss gibt es Zeitgenossen, denen Rosenstolz nichts zu sagen hat oder die mit deutscher Musik ganz einfach nichts anfangen können, andere mögen die provokanten Lieder von AnNa R. und Peter Plate aus 90iger Jahren lieber als die heutigen Erfolgsballaden wie Liebe ist alles und Gib mir Sonne. Doch jeder, der in dieses Filmporträt eintaucht – ob Fan oder nicht – begibt sich auf eine wahre Entdeckungsreise.
Regisseur Marc Boettcher versammelt eine schier unglaubliche Menge an Bild- und Tonmaterial aus zwei Jahrzehnten, arbeitet sehr geschickt mit Split Screens: er teilt das Bild und kann so unterschiedliche Filmaufnahmen gleichzeitig zeigen, die einander ergänzen, kommentieren, widersprechen oder ironisieren. Dadurch kann er auch viel schneller und rhythmischer schneiden, und so wirkt sein Film erstaunlich modern und leichtfüßig. Auch wer kein Rosenstolz-Fan ist, wird in den Bann dieser ultimativen Bio-Doku gezogen, lernt zwei Musiker verstehen, die unterschiedlicher nicht sein können, aber schließlich aus Ost und West zusammenfinden und beharrlich ihren musikalischen Weg gehen. Der Weg zum Erfolg ist lang und steinig und dennoch gelingt es dem Duo, Musikgeschichte zu schreiben und für eine nachfolgende deutschsprachige Musikgeneration ein musikalisches Fundament zu ebenen. Junge Fans entdecken in diesem Porträt Skurriles und Rares aus den Anfangsjahren, die sie noch nicht miterlebt haben, ehemalige Fans dagegen kommen in sentimentales Schwärmen und erinnern sich, und bisher völlig Uninteressierte finden plötzlich einen Zugang zu Rosenstolz und ihrer Musik.
Viele Jahre dauerte es, bis sich die medienscheuen AnNa R. und Peter Plate zu einer Filmbiographie bereit erklärten und sie bestanden darauf, dass Marc Boettcher sie porträtiert. Dem Filmemacher, der sich bereits mit Dokumentationen über Alexandra, Bert Kaempfert und Gitte Haenning einen Namen machte, gelang es in einem mehrstündigen Interview, in die Gedanken- und Gefühlswelt der beiden Protagonisten einzutauchen, sie offen über ihre Ängste und Träume berichten zu lassen und sie als Privatpersonen kennen zu lernen. Mit großer Sensibilität werden erstmals auch Peter Plates jahrelangen Panikattacken, sein Zusammenbruch 2010 und der Umgang mit seinen Depressionen und der Weg aus der Krise thematisiert.
Den Zuschauer erwartet eine hervorragend recherchierte und mit viel Feingefühl erzählte Erfolgsgeschichte eines unbequemen Popduos, das seinen Idealen und Vorstellungen 20 Jahre lang treu geblieben ist. Ebenso setzt sich der Autor und Regisseur des Filmes über redaktionelles Schablonendenken konventioneller Unterhaltungskost hinweg und verzichtet auf eine einseitig glamouröse Karrierestory im Sinne der Schallplattenfirma.
Wer ist Rosenstolz wirklich? fragte ein begeisterter Zuschauer und lieferte auch gleich in seiner Kritik die Antwort: “ Wer es genau wissen will und einen runden Einblick in die Karriere von Anna und Peter gewinnen möchte – dem sei Marc Boettchers Dokumentation besonders ans Herz gelegt.”


