Belina s/wEine der größten und interessantesten Folkloresängerinnen Europas – Belina – ist am 12. Dezember 2006 im Alter von 81 Jahren in Hamburg verstorben. Ein Filmporträt war mit Ihrer Zustimmung und Mitarbeit geplant, denn nur selten sprach sie über sich und ihre Karriere.
 

„In der hoheitsvollen, etwas statuarischen Haltung einer Königin steht sie da, offenes, brünettes Haar rahmt ein ausdrucksvolles Gesicht von herber Schönheit. Die aparte Frau strahlt kühle Distanziertheit, ja, fast Unnahbarkeit aus: und dann ihre Stimme! Eine Stimme von tiefem, dunklem, von Melancholie umflorten Timbre, von starker, noch im Summen oder Trällern dramatischer Expression, von spröder Fülle.“ (Wiener Kurier, November 1967)

„Madame chanson“ wurde sie genannt: Belina! Wenn sie, zierlich, in schwarzer Lederjacke, mit schmalen Hosen, roter Bluse und langem Haar, die Bühne betrat, schlug sie ihr Publikum schon allein durch ihre faszinierende Ausstrahlung in Bann. Belina war darüber hinaus ein wahres Sprachwunder. Sie sprach sechs Sprachen: Französisch, Polnisch, Englisch, Jiddisch, Russisch und Deutsch. Doch sie vermochte sich in mindestens einem weiteren Dutzend fremder Sprachen zu verständigen und zu singen. Bei ihren 197 Städte umfassenden Welttourneen mit dem Gitarristen Siegfried Behrend überreichte man ihr eines Tages in Korea mittags ein koreanisches Volkslied mit der Bitte, es abends zu singen. Belina tat es und am nächsten Tag schrieben die Kritiker, sie müsse mit dem Koreanischen geradezu „verwachsen“ sein, so überzeugend, so unmittelbar sei ihr Vortrag gewesen.

Aber vor all diesen Dingen war Belina eine großartige Sängerin, von Musik und Gesang besessen. Ihre dunkle volle Stimme war unheimlich wandlungsfähig. Der zärtlichen Innigkeit eines jüdischen Wiegenliedes wurde sie ebenso gerecht wie der verschleierten Melancholie eines französischen Chansons, der gespannten Vitalität eines Calypsos von den Westindischen Inseln nicht weniger als der ungebärdigen Leidenschaft eines polnischen Volksliedes. Immer traf sie genau die Mitte des Ausdrucks, in ihrer Interpretation enthüllten ihre Lieder ihre einmalige Schönheit, ihren einzigartigen Zauber. Das ist kein Wunder. Belina gestaltete, was sie sang, ganz aus dem Erleben, und ihr Leben führte sie durch viele Höhen und Tiefen.

In einem kleinen polnischen Dorf namens Sterdyn östlich der Weichsel und unweit der Stadt Krakau wurde Lea-Nina Rodzynek am 6. Februar 1925 geboren. Schon früh fiel der Familie ihr musikalisches Talent auf. Die volkstümlichen und sakralen Gesänge in der Familie waren die ersten Impulse für ihre spätere künstlerische Tätigkeit. Ihre Schwester, die heute in Israel lebt erinnert sich: „Zu Hause wussten alle, dass die Jüngste von uns eine hübsche Stimme hatte. Aber nie war sie zu bewegen, etwas vorzusingen, wenn Besuch da war. Vater wäre stolz gewesen, manchmal aber sang sie dann im Nebenzimmer.“

Nach dem Einmarsch der deutschen Truppen 1939 in Polen wurde die Familie auseinander gerissen. Die Eltern und drei Brüder starben. Lea-Nina floh mit ihrer Schwester ins feindliche Deutschland, wo sie unter falschem Namen und mit gefälschten Papieren in einer Hamburger Rüstungsfabrik arbeitete. Als man herausfand, wer sie war und dass sie jüdischer Abstammung war, wurde sie verhaftet. Doch es gelang ihr, aus dem Gefängnis Fuhlsbüttel zu entkommen und sich bis Kriegsende in Lübeck versteckt zu halten. 1949 heiratete sie in Bergen-Belsen einen Auschwitz-Überlebenden. Sie bekamen den Sohn Michel, doch die Ehe hielt nicht lange. Lea-Nina zog 1953 zu einer Tante nach Paris. Fortan tingelte sie als Sängerin durch die Kellerlokale links der Seine. Dort nannte man sie den „schwarzen Engel vom Montparnasse“.

 

 

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1954 ging sie in die Schweiz, wo sie zunächst als Kosmetikerin arbeitete. Doch der Traum, als Sängerin ihr Geld zu verdienen, ließ sie nicht mehr los. Sie nahm Gesangsunterricht. Nach einem kurzen Fernseh-Auftritt und ein paar Hörfunksendungen unter dem Namen Nina Pola folgte eine kleine Tournee durch die Provinz. Als Sängerin jiddischer Folklore wurde sie unter Kennern zum Begriff. Es folgten ein Engagement am Jiddischen Theater in Paris sowie erste Schallplattenaufnahmen für das französische Label President mit polnischer, russischer und jüdischer Folklore. Fernsehauftritte, Kabarett und Gastspiele in Benelux-Ländern und Frankreich. Bei der Musikfirma Odeon/Columbia kam es unter dem Künstlernamen Belina zu den Singleeinspielungen von A Yiddische Momme und deutscher Versionen von Non je ne regrette rien und Exodus. Aber auch banale deutsche Schlager musste sie singen, was ihr missfiel. „Es gibt ja auch Schlager, die wirklich schön sind, ich bekam jedoch immer irgendwelche, die mir gar nicht lagen.“ Der große Durchbruch aber glückte ihr von Deutschland aus. Der Regisseur und spätere „Hitparaden“-Macher Truck Branss widmete ihr 1962 seine erste Personality-Show und machte sie über Nacht berühmt. In einer „großen halben Stunde“, wie ein Kritiker schrieb, beherrschte sie den Bildschirm, ohne Orchester, ohne technische Gags, allein durch ihre Stimme.

 

Belina  Belina  Belina

Bei den Dreharbeiten zu der Fernsehsendung lernte Belina den herausragenden und populären Gitarristen Siegfried Behrend (1933-1990) kennen, der schon als 30jähriger mehr als 1000 Kompositionen, größtenteils folkloristisch oder von alten Meistern inspiriert, vorweisen konnte. Er hatte bereits in Moskau, Rom und Madrid, aber auch außerhalb Europas umjubelte Konzerte gegeben und vor dem Schah in Persien, vor General Nasser in Ägypten und vor dem Kaiser in Tokio gespielt. Die beiden waren Gast in mehreren TV-Sendungen (Lieder am Kamin, Einer wird gewinnen). In Berlin veranstalteten sie 1962 eine Folk Session, die auf der LP 24 Songs and one Guitar festgehalten wurde. Weniger kommerziell, aber dennoch hochwertig und hörenswert waren die Alben Wenn die Jidden lachen mit jiidischen Liedern und Witzen, RussischEs brennt..., Warschau. 1964/65 unternahm das Duo eine Tournee durch mehr als 120 Länder, ein einziger Triumphzug und die Kritik überschlug sich förmlich vor Begeisterung. 

Sie faszinierte bis zum letzen Augenblick! (The Straits Echo, Malaysia)

Von der Liturgie bis zum Chanson große, unzweifelhafte Kunst! (New Sealand Herald, Auckland)

Sie ist sich des melancholischen Charmes ihres Vortrags zwischen Chanson und Volkslied sehr bewusst und spielt ihn mit der Attitüde einer Tragödin immer wieder wirkungsvoll aus. (Berliner Morgenpost)

Belina und Siegfried Behrend repräsentierten als „Botschafter deutscher Kultur“ in nie da gewesener Form die junge Bundesrepublik, ihre Langspielplatten mit Liedern aus aller Welt in 17 Sprachen wurden zu Bestsellern. Musikalischer Nachwuchs ließ nicht lange auf sich warten. Esther und Abi Ofarim traten in ihre Fußstapfen und feierten weltweit Erfolge. Auch die junge Sängerin Alexandra widmete sich als Fan Belinas der Folklore, zuerst als Mitglied der City Preachers, später als Solistin.

Siegfried Behrend heiratete in den 70er-Jahren die Schauspielerin Claudia Brodzinska-Behrend und wandte sich mit ihr als Sängerin der avantgardistischen Musik zu. 1990 verstarb er.

Belina  Belina  Belina 

Belina traf die Trennung von ihrem Gitarristen schwer. Sie wechselte zur Plattenfirma Polydor und sang Songs aus dem Musical Anatevka und den Welthit Those Were The Days ein. Sie zog nach Südfrankreich, in die Künstlerkolonie St. Paul de Vence, wo auch Marc Chagall, James Baldwin, Curt Jürgens, Yves Montand und Simone Signoret in der Nachbarschaft wohnten. Belina nahm nur noch wenige Angebote an (u. a.  mit dem Gitarristen Roberto Legnani). Sie machte vermehrt als Schauspielerin von sich Reden und zeigte sich von einer ganz anderen Seite: „Ich habe die Polly in der „Drei Groschen Oper“ gespielt. Viel Theater, jüdisches Theater. Zimmertheater. In Paris, in Deutschland.“ Im Film war sie dagegen nur einmal zu sehen: 1963 trat sie in dem Krimi Das Geheimnis der schwarzen Witwe an der Seite von O. W. Fischer und Klaus Kinski auf.

 

1981 spielte sie mit dem Gitarristen Ladi Geisler, prägender Sound-Geber des legendären Orchester Bert Kaempfert, eine letzte sehr schöne, aber leider unbeachtete LP Meine Fantasie ein. Nach einem Abschiedskonzert 1993 zog sich Belina aus dem Showgeschäft zurück. Bis zu ihrem Tod lebte sie mit ihrem Sohn Michel und ihren zwei Enkelkindern, Sharon und Marco, in Hamburg und erfreute sich an ihrer einzigartigen Souvenirsammlung aus aller Welt. Ihr Wohnzimmer erinnerte an einen orientalischen Basar: ein ziselierter Messingtisch aus der Türkei, zwei Vasen aus Persien, ein Wandteppich aus Adis Abeba, ein aus edlem Gehölz geschnitztes Götterpaar aus Bolivien und…und…und…

Folklore steht hoch im Kurs, seitdem die Wohlstandsgesellschaft in fremde Länder und Erdteile reist und das Flugzeug Menschen und Kontinente einander näher gebracht hat. Sie wird vor allem von denjenigen geschätzt, denen Schlager und Schnulze zu billig sind. Der Folklore haftet etwas von dem Sang und Klang der großen weiten Welt an, des Volkstümlichen ebenso wie des Wertvollen und Echten, vermischt mit einem Schuss Fernweh und Romantik.

„Die wirkliche Folklore“, so beschrieb es Siegfried Behrend treffend, „zähle ich zur klassischen Musik. Alle Komponisten, ja selbst Bartok oder Strawinsky, sogar Mozart, der auf italienische Folklore zurückgriff, alle klassischen Komponisten arbeiteten mit der Folklore. Ich denke da an eine Mutter, die ein Wiegenlied singt, sie singt aus vollem Herzen und mit einer Innigkeit um ihr Liebstes, was sie hat, das Kind, zum Schlafen zu bringen. Das ist ein ganz klassischer Ausdruck und den kann man nicht verstellen.“

Musikfolklore ist ganz eng mit der Lebensweise, mit den Bräuchen und mit der Arbeit des Volkes verbunden. Sie entsteht unmittelbar aus dem Volk heraus, spiegelt die Ansichten, die Interessen, die Wünsche und Bestrebungen sowie den künstlerischen Geschmack des Volkes wider. Sie bietet eine Möglichkeit, Einblick in das Leben verschiedener Kulturen zu erhalten und sie besser zu verstehen.

Trotz ihres persönlichen Schicksals als Verfolgte und Flüchtende, ist es erstaunlich, was Belina nach dem Zweiten Weltkrieg als jüdische Künstlerin in Deutschland zur Völkerverständigung und zum Kulturaustausch zwischen verschiedenen Bevölkerungsgruppen und Kulturkreisen beigetragen und geleistet hat. Trotz grauenvoller Erinnerungen fand sie den Weg ins Nachkriegsdeutschland zurück und zog von dort aus um die Welt , um eine Brücke aus Versöhnung, Toleranz und Gleichberechtigung zwischen den Deutschen und den anderen Völkern dieser Erde zu schlagen.  Doch nicht nur Jubel schlug ihr entgegen. Sie hatte auch gegen antisemitische Ressentiments im In- und Ausland anzukämpfen. Ägyptens Machthaber verbot ihr zum Beispiel die Einreise. Belinas Bestreben, zu verbinden und zu vermitteln, war nicht nur vorbildlich und mutig, es ist noch in heutiger Krisenzeit von brennender Aktualität. Daher sollten Ihre Lebensgeschichte, Ihre Ambitionen und ihr soziales Engagement nicht in Vergessenheit geraten!

 Belinauntenklein

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